„Achtsamkeit“ ist ein geflügeltes Wort geworden, das etwa in Psychologie, Therapie, Komplementärmedizin und modernem Christentum immer wichtiger wird. Die älteste Tradition einer sehenden Achtsamkeit ist die Praxislehre des Buddha, das Vipassana (höheres Sehen). Hier sind Achtsamkeit und Meditation seit jeher zentral – als die Hauptmittel zur Befreiung. Meditation ist systematisch eingeübte Achtsamkeit zum Zweck von ethischer Motivation, geistiger Sammlung und befreiender Einsicht.
Der historische Buddha beschreibt in einer besonders wichtigen Rede zur Meditation die Achtsamkeit für alles Körperliche, die Empfindungen, die Geisteszustände und die natürlichen Wahrheiten als den „Direkten Weg zur Verwirklichung der Freiheit“. Die Achtsamkeitspraxis Vipassana umfasst eine Reihe von Methoden, um eine sehende „treffliche Achtsamkeit“ (samma sati) zu entwickeln. In der Lehre des Erwachten ist Konzentration kein Selbstzweck, sondern immer bloß Mittel zur befreienden Schau.
Wenn einem durch Achtsamkeit unheilsame Impulse, etwa Gier, Abneigung, Neid oder Stolz, klar werden, verlieren sie ihre lenkende Kraft. Je tiefer dieser Prozess geht, desto mehr tritt ein intuitives Verstehen hervor, das auch hartnäckige Probleme lösen kann. Je mehr es zu Selbstverankerung kommt, desto weiter öffnet sich der Blick auch für andere. Denn auf einer grundlegenden Ebene sind wir alle gleich. Je mehr die eigenen Leiden bewältigt werden, desto augenscheinlicher werden die Leiden anderer. So entsteht Mitgefühl.
Das sind kurz die Besonderheiten des Vipassana im Rahmen des Buddhismus im Westen. Neben dem Zen und dem tibetischen Buddhismus ist die Achtsamkeits- bzw. Einsichtspraxis Vipassana, die zum frühen Buddhismus „Theravada“ (Südostasien, Sri Lanka) gehört, die stark wachsende dritte Haupttradition des Buddhismus im Abendland.
Hans Gruber hat Indologie mit Schwerpunkt Buddhismuskunde, Tibetologie und Geschichte in Hamburg studiert. Dem Abschluss folgte eine eingehende journalistische Ausbildung. Es geht ihm um einen „Mittleren Weg“ zwischen wissenschaftlicher Objektivität, gut verständlicher Form und seiner langjährigen spirituellen Praxis. Er arbeitet als freier Autor und Übersetzer. Für den Suhrkamp „Verlag der Weltreligionen“ erarbeitet er derzeit eine modern kommentierte Neuübersetzung von Nagarjunas Hauptwerk.
Weitere Infos unter: www.buddha-heute.de. Diese Website dient dem Thema „Was bedeutet im Buddhismus im Westen für heute?“